Gustav Petri

Gustav Petri, Retter von Wernigerode vor der Kriegszerstörung

Gustav Petri steht im besonderen Maß exemplarisch für ein Leben, dass durch die beiden Weltkriege geprägt wurde. Eher wiederstrebend übernahm er den elterlichen Betrieb als Tabakhändler. Zeitlebens sah er seine berufliche Bestimmung aber in der Offizierslaufbahn, mit all dem damit verbundenen Leid und Schmerz während der beiden Weltkriege.

Oberst Gustav Petri wurde darüber hinaus stark durch das preußische Militär geprägt und sah die Niederlage im Ersten Weltkrieg, wie viele Soldaten der damaligen Zeit als demütigend an. Damit steht er auch beispielhaft für viele Soldaten der Nachkriegszeit in der Weimarer Republik, die versuchten in rechtsgerichteten Organisationen die Bestimmungen des Versailler Vertrages zu umgehen und ihre patriotische Einstellung in dieser Form auszudrücken.

Nach vielen Fronteinsätzen und einem Leben als Offizier, der die Bedeutung des Befolgens von Befehlen verinnerlicht hatte musste er im April 1945 eine folgenschwere Entscheidung treffen. Den letzten Befehl, die Stadt Wernigerode zu verteidigen, verweigerte er und folgte seinem Gewissen, da der Kampf aussichtlos war. Diese Entscheidung bezahlte er mit dem Leben und viele weitere Leben hätten gerettet werden können, wenn auch andere seinem Beispiel gefolgt wären.

Heutige Spuren in der Umgebung

Nach Autor Peter Lehmann, welcher eine Studie zu Gustav Petri vorlegte, sollen für Gustav Petri Familie und Freunde sehr bedeutend und prägend gewesen sein. 1958 beschloss das Bundesministerium Wiedergutmachung für die Witwe Petris nach einem jahrelangen Prozess. Lehmann selbst, verfasste ein Buch – “geachtet-geleugnet-geehrt Oberst Gustav Petri, Retter von Wernigerode“, dessen Inhalt wird in einer Einladung zur Buchvorstellung von 2013 deutlich (Siehe → Biografie zu Oberst Gustav Petri/Einladung zur Buchvorstellung ). Ein weiteres nennenswertes Werk ist das des Ernst Pörners (Siehe → Zum Gedächtnis – Oberst Gustav Petri/ Buchabschnitt).

Gustav Petri hat mit seinem Handeln die Stadt Wernigerode nicht nur nachhaltig geprägt, sondern auch erhalten. Seiner lebenslangen Ausbildung zum Soldaten entgegen verweigerte er seinen Befehl, die Stadt gegen angreifende US Truppen zu verteidigen, mit dem Satz ,,Soll dies Städtchen auch ein Trümmerhaufen werden?“ am 11. April 1945. Somit konnte Wernigerode ,,fast kampflos“ besetzt werden und der Tod zahlreicher Menschen kurz vor Kriegsende verhindert werden.

Daran erinnert eine Plakette am Marktbrunnen (Siehe → Tafel zur Ehrung und Erinnerung an Oberst Petri nach jahrelangen Gerangel angebracht/Zeitungsartikel) und eine nach ihm benannte Straße – Gustav Petri Straße (Siehe → Mutige Tat von Petri nach 50 Jahren gewürdigt/Zeitungsartikel) in Wernigerode. Anlässlich seines 125. Geburtstages wurde er in verschiedenen Veranstaltungen geehrt, zum Beispiel durch eine Gedenkfeier am Marktplatz. Aus einem Zeitungsartikel von 1995 (Siehe → 11. April war Oberst Petris Tag/Zeitungsartikel) ist erkennbar, dass Petri ein eigener Tag gewidmet wurde. Ein Grabstein im Waldfriedhof Blankenburg ehrt Gustav Petris Taten ebenfalls.

Kriegsveteranen aus Gießen legten 1963 eine Gedenktafel mit dem Schriftzug ,,Du gabst Dein Leben zur Rettung von Wernigerode“ zur Grabstelle. Verschiedene Gedenktafeln in Wernigerode und ein Gedenkstein in Drei-Annen-Hohne erinnern ebenfalls noch heute an Gustav Petri.

Diplom-Historiker Manfred Oelsner konnte viel über die Stadt Wernigerode und zur Person Petri in Erfahrung bringen, welches auch von Nachfahren Petris Anerkennung gewann. So hielt er in einer überfüllten Remise einen einstündigen Vortrag über die letzten Tage des 2. Weltkrieges in Wernigerode und über die mutige Tat Petris, dies ist aus einem Schreiben von Oelsner zu entnehmen (Siehe → Ehrung für Oberst Petri/Schreiben). Im genannten Schreiben wird zudem ein Artikel in der Volksstimme erwähnt, dessen Inhalt eine detaillierte Schilderung der letzten Tage und des Nachlebens von Petri sind (Siehe → Einem mutigen Offizier zum Gedenken/Zeitungsartikel).

Zum Gedenkstein in Blankenburg

In einem Schreiben des VEB Dienstleistungskombinat vom 30.3.1976 wurde erwähnt, dass bei Kriegstoten, 4 Geldbörsen mit Hartgeld, 1 Armbanduhr, 2 Füllfederhalter mit Goldfeder und 1 Zahnprothese gefunden wurden. Diese wurden auf den Blankenburger Friedhof umgebettet. Ob unter den Kriegstoten an der Straße nach Elbingerode nach Drei-Annen-Hohne auch Petri damals war, ist durchaus umstritten. Manfred Oelsner stützte sich hierbei auf die Tatsache, dass sich Petri im 1. Weltkrieg eine Schussverletzung im Mundbereich zuzog und somit eine Zahnprothese getragen hat. Zudem gab es eine Aussage einer Zeitzeugin, welche die Erschießung bei Drei-Annen-Hohne bestätigte.
Die Stadt Blankenburg äußerte sich, dass ,,die Aussage der Zeitzeugin nicht ausreicht, um als hundertprozentig sicher zu gelten“ und ,,Zahnprothesen wurden zur damaligen Zeit von vielen Menschen getragen… Sie ist nicht der gesuchten Person einwandfrei zuzuordnen… keines der aufgefundenen Gegenstände trug seinen Namenszug“ (Siehe → Ehrung von Oberst Gustav Petri- Stadtverwaltung Wernigerode/Schreiben)
Dennoch entschied man sich letztendlich den Gedenkstein in Blankenburg aufzustellen.

Lebenslauf

Geboren am 3. Juni 1888 in Gießen wächst Gustav Petri in einer Tabakhändler-Familie (Mutter: Johanna und Vater Carl Petri) mit zwei Schwestern und einem Bruder auf. Er besuchte von 1894 bis 1897 die Vorschule eines Gymnasiums und absolvierte die Mittlere Reife im Gymnasium. Nach seiner Ausbildung zum Kaufmann in Hereford, war er bis März 1908 Filialleiter seines Ausbildungsbetriebes in Hannover. Ab 1910 übernahm er den elterlichen Betrieb.

Er startete seine Militärkarriere mit einem einjährigem Freiwilligendienst im Infanterie-Regiment ,,Kaiser Wilhelm“, wo er als Unteroffizier entlassen wird. Im Ersten Weltkrieg diente er an verschiedenen Orten: unter anderem 1914 in Frankreich als Zugführer, wo er eine Schusswunde im Mundbereich erlitt; 1915 wurde er an der Ostfront am Arm stark verletzt, in Rumänien erhielt er 2 Kopfverletzungen und 1918 wurde er an der Westfront eingesetzt. Für seine Dienste erhielt er viele Auszeichnungen, wie das Eiserne Kreuz II. Klasse, das Ritterkreuz des königlichen Hausordens von Hohenzollern und das verwundeten Abzeichen in Gold.

Zwischen den Weltkriegen trat er den Vereinigten vaterländischen Verbänden Deutschlands bei (VVVD) und gründete 1925 in Gießen den Stahlhelm – Bund der Frontsoldaten. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Gustav Petri 1934 zum Obersturmbannführer befördert. Allerdings wollte er nicht Teil der Nationalsozialistischen Bewegung sein. Er verließ die SA und trat die Führung seiner Mannschaft ab, als der Stahlhelm kollektiv in die NSDAP- Mitgliedschaft überführt wurde. Ab 1936 diente Petri als Hauptmann in der Wehrmacht.

Der Zweite Weltkrieg begann für ihn beim Stab der Armee-Reserve der 1. Armee in der Nähe der französischen Grenze. Innerhalb von 6 Jahren Krieg wechselte er von Frankreich, wo er zum Major ernannt wurde (und in Südwestfrankreich als Bataillonskommandeur) nach Moskau, wo er eine schwere Verwundung an der linken Gesäßhälfte erlitt, bis er schließlich zur Ostfront als Kommandant verlegt wurde. Aufgrund seiner Verwundungen erfolgte die Versetzung in die Führerreserve. Den größten Teil der restlichen Zeit des Krieges verbrachte er in Frankreich, wo er auch zum Oberst ernannt wurde. Gustav Petri erreichte den Harz, nachdem er beim Rückzug durch den Ruhrkessel von den Alliierten nicht eingeschlossen wurde.

Am Abend des 8. April 1945 erreichte er Wernigerode. In der Nacht vom 10. zum 11. April ernannte ihn sein Vorgesetzter Oberst Hans Leinemann telefonisch zum Kampfkommandanten, somit sollte Wernigerode einem unnötigen Kampf ausgesetzt werden. Petri lehnte dies mit den Worten: ,,Soll dies Städtchen auch ein Trümmerhaufen werden?“ ab. Ein Gefecht wurde verhindert, die Alliierten konnten “fast kampflos“ Wernigerode besetzen und mehrere Tausend verdanken Petri ihr Leben, welcher am Tag darauf, wegen Befehlsverweigerung, bei Drei Annen Hohne (Elbingerode) erschossen wurde.

Weiterführende Quellen

Literatur

  • Ursula Höntsch: Oberst Petri sagt „nein“. In: Die Stunde Null. Berlin 1966, S. 17.
  • Ernst PörnerZum Gedächtnis — Oberst Gustav Petri, 1962 (Manuskript im Stadtarchiv Wernigerode)
  • Peter Lehmann: geachtet – geleugnet – geehrt. Oberst Gustav Petri, Retter von Wernigerode. (= Harz-Forschungen. Band 29). Hrsg. v. Harz-Verein für Geschichte und Altertumskunde e.V. Lukas-Verlag, Berlin/ Wernigerode 2013.

Internet

●   https://de.wikipedia.org/wiki/Gustav_Petri

●    https://www.wernigerode.de/de/stadtarchiv/dokumentation-ueber-oberst-gustav-petri-20033596.html 

●    http://www.wernigerode-in-jahreszahlen.de/content.php?request=quelle&quelle_id=70

https://www.volksstimme.de/nachrichten/lokal/halberstadt/1094158_Vom-Leben-und-Sterben-des-Retters-von-Wernigerode.html

Lebenslauf tabellarisch

  • Eltern waren Tabakhändler
  • 1894-1897 besuchte Vorschule eines Gymnasiums, danach Gymnasium – Abschluss mit Mittlerer Reife
  • absolvierte Ausbildung zum Kaufmann in Hereford – war bis 1908 Filialleiter seines Ausbildungsbetriebes in Hannover
  • diente als Einjähriger- Freiwilliger im Infanterie-Regiment ,,Kaiser Wilhelm“ (2. Großherzoglich Hessisches) Nr. 116 in Gießen, als Unteroffizier und Offiziersanwärter    zur Reserve entlassen
  • 1909-1910 Arbeit in Koblenz
  • übernahm mit 22 Jahren den elterlichen Tabakgroßhandel (Aufgrund der Erkrankung des Vaters)

1. Weltkrieg

  • kämpfte als Zugführer in Frankreich
  • Oktober 1914: Beförderung zum Leutnant der Reserve
  • 22. August: Schuss im Mundbereich erlitten – nach Genesung künstliches Gebiss
  • Ende 1914 Eisernes Kreuz II. Klasse erhalten
  • Ab Februar 1915 Kämpfe an der Ostfront – schwere Verletzung am Arm, 5 Monatige Zeit, bis wieder kampffähig
  • Hessische Tapferkeitsmedaille erhalten
  • Rumänien: 2 Kopfverletzungen, blieb bei der Truppe
  • Eisernes Kreuz 1. Klasse und Krieger Ehrenzeichen in Eisen
  • Ritterkreuz des königlichen Hausordens von Hohenzollern mit Schwertern
  • wurde zum Bataillonskommandeur ernannt
  • 1918: Einsatz an der Westfront
  • erhielt Verwundetenabzeichen in Gold für fünffache Verwundungen
  • Nach Kriegsniederlage, Entlassung im Rang eines Leutnants (31. Dezember 1918) übernahm wieder den väterlichen Tabakgroßhandel
  • 30. April 1919 Heirat mit Henriette ,,Henny“ Hettler – hatte 3 Söhne (2 starben im 2. Weltkrieg, jüngster starb 2014

2. Weltkrieg

  • Beginn 2.Weltkrieg: beim Stab der Armee Reserve der 1. Armee in Nähe der Franz. Grenze
  • 1. Oktober 1939: Beförderung zum Major
  • 30. Juni 1940: erhielt Spange zum Eisernen Kreuz II. Klasse
  • Nach Waffenstillstand von Compiegne wurden er und sein Stab beurlaubt und erst Anfang 1941 wieder neu aufgestellt
  • Mit Division als Bataillonskommandeur ein Jahr lang als Besatzungssoldat in Südwestfrankreich eingesetzt
  • 1. September 1941: offiziell zur aktiven Truppe der Offiziere überführt
  • nach Weihnachten: Versetzung an Ostfront kurz vor Moskau
  • 11. Februar 1942: Ablösung als Bataillonskommandeur, in Stab seiner Division versetzt
  • 1. März 1942 Beförderung zum Oberstleutnant
  • 16. April 1942 Verletzung an linker Gesäßhälfte – musste sich in Lazarett behandeln lassen (bis Ende Juni)
  • Rückkehr an die Ostfront, als Kommandant in Bely tätig und wurde schließlich versetzt in Führerreserve
  • Ende September 1942: in Frankreich sieben Wochen lang in Aufgaben als Feldkommandant eingearbeitet
  • Jahreswechsel 1942/1943 als Militärbefehlshaber Frankreich unterstellt und als Feldkommandant der Feldkommandantur zur Verwaltung eingesetzt
  • 6. Juni 1944: Rückzug von Wehrmacht und Militärverwaltung begann
  • 1. Juli 1944: Beförderung zum Oberst
  • 30. August 1944 Feldkommandantur löste sich auf
  • verkleinerte seine Mannschaft von ca. 100 Offizieren, Mannschaft und Mitarbeitern auf etwa 25; stellte sich zurückziehenden kämpfenden Armeen zur Verfügung
  • Einsatz erfolgte jetzt als Kommandant des rückwärtigen Armeegebiets
  • Einheit wurde im Laufe des Rückzugs immer kleiner
  • Jahreswechsel 1944/45: nahm an Ardennenoffensive teil
  • Nach Scheitern war er in Eifel im rückwärtigen Dienst tätig und kam schließlich nach Hessen
  • seine Einheit war nicht im Ruhrkessel von dem Alliierten eingeschlossen – entkam in den Harz, wurde dort dem Oberkommando der neu aufgestellten 11. Armee unterstellt
  • 8. April 1945, Abend: erreichte Wernigerode

Befehlsverweigerung

  • Bürgermeister von Wernigerode (Ulrich von Fresenius) setzt sich im Gespräch mit Petri dafür ein, dass die Stadt aus Hauptkampflinie herausgehalten werde
  • Nacht vom 10. auf den 11. April 1945: Vorgesetzter Armeekommandant, Oberst Hans Leinemann, ernennt Petri telefonisch zum Kampfkommandanten, um Wernigerode gegen angreifende US-Armee zu verteidigen – verweigerte den Befehl
  • wurde bei Drei Annen Hohne in der Nähe von Elbingerode wegen Befehlsverweigerung erschossen, wurde geheim gehalten

Impressum

Inhalt: Arbeitsgemeinschaft Geschichte des Gymnasiums „Am Thie“ Blankenburg (Harz)

Bearbeitung: Robin Johne, Pia Engelhard und Max Raber, Klasse 10b

Projektleitung: Benedict Volkert

Internetpräsentation: Jörn Zuber

Begleitung: Förderverein „Blankenburg blüht auf e.V.“ (Ulrich-Karl Engel, Uwe Lauer) Für die Erarbeitung dieser Seite danken wir besonders den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Stadtarchivs.