Was noch zu tun ist

Auf dem Gebiet der Kryptologie ist noch längst nicht alles erforscht, auch für Sie und kommende Generationen gibt es noch eine Menge zu tüfteln. Sie könnten sich beispielsweise einen extrem schnellen Faktorisierungsalgorithmus für Primzahlen ausdenken, um RSA zu knacken. Das würde Sie entweder zu einem extrem reichen oder extrem einsamen Menschen werden lassen. Apropos reich. Eine der seit vielen Jahren meistanalysierten Geheimschriften ist die sogenannte Beale-Chiffre, die einen vergrabenen Schatz im Wert von 20 Millionen Dollar beschreibt. Ein gewisser T.J. Beale gab dem Washingtoner Hotelier Robert Morriss 1823 eine Kiste mit der Bitte, diese aufzubewahren, was dieser auch gewissenhaft tat. Nach Ablauf von 10 Jahren, als Beale noch immer nicht zurück gekehrt war, öffnete Morriss die Kiste und fand eine interessante Reisebeschreibung, die unter anderem von einem riesigen Schatz handelte. Die genaue Lage, die Art des Schatzes und die Personen, welche den Schatz vergraben hatten, sind in jeweils einem Dokument verschlüsselt. Nach vielen Jahren, in denen eine Unmenge von Schatzsuchern und Glücksrittern versuchten, den Code zu knacken, gelang es, die zweite Beale-Chiffre zu entschlüsseln. Hierbei handelte es sich um eine sogenannte Buch-Verschlüsselung. Dazu werden in einem Buch oder in einem anderen beliebigen Text die Wörter nummeriert. Anschließend wird jede Zahl zum Stellvertreter des entsprechenden Anfangsbuchstabens. Im Fall der zweiten Beale-Chiffre handelt es sich bei dem Buch um die amerikanische Unabhängigkeitserklärung. Der entschlüsselte Text lautet wie folgt:

"Ich habe in Bedford County, etwa vier Meilen von Buford, in einer Aushöhlung sechs Meter unter der Erdoberflache, die folgenden Gegenstande deponiert, die jenen Personen gehören, welche in Nummer »3« genannt sind:
Das erste Depot besteht aus 1014 Pfund Gold und 3812 Pfund Silber, eingelagert im November 1819. Das zweite Depot wurde im Dezember 1821 angelegt und besteht aus 1907 Pfund Gold und 1280 Pfund Silber; zudem Juwelen, erworben in St. Louis im Tausch für Silber, um den Transport zu erleichtern, und auf 13000 Dollar geschatzt. Obiges ist sicher in eisernen Gefäßen mit Eisendeckeln verpackt. Der Hohlraum ist grob mit Steinen umfasst und die Gefäße ruhen auf hartem Gestein und sind mit solchem bedeckt. Papier Nummer »1« beschreibt die genaue Lage des Hohlraums, so dass es nicht schwierig sein durfte, ihn zu finden.“


Die drei Beale-Chiffren sowie ein Auszug der Unabhängigkeitserklärung finden Sie in Anhang B. Jetzt brauchen sie eigentlich nur noch den entsprechenden Geistesblitz, um die wichtige Chiffre 1 zu brechen. Anschließend verbinden Sie vielleicht Ihren nächsten USA-Urlaub mit einem Abstecher nach Buford. Dort gibt es verschiedene örtliche Firmen, die gern Schaufeln, Bagger etc. verleihen.
Weniger reich, aber ruhmreicher werden Sie, wenn Ihnen die Entschlüsselung einer alten Schrift gelingt. Obwohl die antiken Völker ihre Texte natürlich nicht absichtlich verschlüsselt haben, ist es ohne viel Anhaltspunkte enorm schwierig, eine „Übersetzung“ vorzunehmen und Sie haben die gleichen Probleme wie bei der Kryptoanalyse. Eine der bekanntesten Entzifferungsgeschichten ist die der ägyptischen Hieroglyphen. Ausschlaggebend für den Erfolg war der Fund des Rosette-Steins durch die Truppen von Napoleon Bonaparte. Auf diesem Stein ist ein Dekret ägyptischer Priester von 196 v.Chr. in griechisch, demotisch und eben mit Hieroglyphen eingemeißelt. Trotzdem dauerte es noch einige Jahre, ehe es dem Franzosen Champollion gelang, den Text zu entzaubern.
Fast ebenso spektakulär war die Entschlüsselung von LinearB, einer kretischen Schrift aus der Bronzezeit. Auch dieses Rätsel wurde durch eine Mischung aus Logik und Inspiration gelöst. Nach Vorarbeiten von Alice Kober gelang es schließlich Michael Ventris und John Chadwick, LinearB zu entziffern. Die vollständige Entschlüsselung von LinearB widersprach fast allem, was Arthur Evans (der Entdecker von Knossos – auch bei der Rekonstruktion von Knossos wurden durch ihn einige erhebliche Fehler begangen, Anm.d.A.), der „große“ Archäologe seiner Zeit, verkündet hatte, Geschichtsbücher mussten für diese Zeit umgeschrieben werden. Im Anhang C finden Sie eine LinearB-Tafel und die Zeichen mit ihren entsprechenden Übersetzungen.
Warum ich Ihnen das alles erzähle? Einige der glänzendsten Entzifferungen der Geschichte sind Amateuren gelungen. Georg Grotefend beispielsweise, der den entscheidenden Durchbruch zum Verständnis der Keilschrift geschafft hat, war Lehrer (ähem). Wenn Sie den Drang verspüren, in seine Fußstapfen zu treten, können Sie sich noch an einigen Schriften versuchen, die bis heute rätselhaft geblieben sind. Linear A, ebenfalls eine minoische Schrift, hat bislang allen Versuchen, sie zu entziffern, widerstanden, vor allem, weil die Textgrundlage spärlich ist. Vom Etruskischen kann man dies nicht sagen, immerhin gibt es über 10000 Inschriften, die Interessierten zugänglich sind, doch auch an dieser Schrift sind die besten Gelehrten gescheitert. Das Iberische, eine weitere Schrift aus der Zeit vor den Römern, und die skandinavischen Futhark-Runen sind gleichermaßen unzugänglich geblieben.
Die faszinierendste Schrift des alten Europa trägt jedoch der einzigartige Diskus von Phaistos, der 1908 in Südkreta entdeckt wurde. Es handelt sich um eine runde Scheibe aus der Zeit um 1700 v. Chr. mit einer spiralförmig verlaufenden Inschrift auf beiden Seiten. Die Zeichen sind nicht von Hand eingeritzt, sondern mit Stempeln geprägt und stellen daher die älteste bekannte Druckschrift dar.
Der Diskus von Phaistos
Der Diskus von Phaistos
Erstaunlicherweise wurde nie ein ähnliches Dokument gefunden, daher muss sich die Entzifferung auf sehr spärliche Informationen stützen: 242 Zeichen, eingeteilt in 61 Gruppen. Eine Stempelschrift lässt jedoch auf einen verbreiteten Gebrauch schließen, und so besteht die Hoffnung, die Archäologen könnten eines Tages einen Vorrat an ähnlichen Scheiben finden, die Licht auf diese rätselhafte Schrift werfen. Vielleicht verbinden Sie Ihren nächsten Kreta-Urlaub mit ein wenig Kultur und beim Relaxen am Strand lässt sich ganz nebenbei eine der alten Schriften entziffern.
Eine der großen Herausforderungen außerhalb Europas ist die Entzifferung der Schrift der Indus-Kultur aus der Bronzezeit. Sie findet sich auf Tausenden von Siegeln aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. Jedes Siegel zeigt ein Tier zusammen mit einer kurzen Inschrift, doch deren Bedeutung blieb den Experten bislang verschlossen. Ein erstaunliches Beispiel für diese Schrift bietet ein langes Holzbrett mit mächtigen, 37 cm hohen Buchstaben. Es könnte sich um die weltälteste Reklametafel handeln. Jedenfalls lässt sie vermuten, dass die Kunst des Lesens nicht auf die Elite beschrankt war, und wirft die Frage auf, wofür sie Werbung machte. Die wahrscheinlichste Antwort ist, dass es sich um eine Propaganda-Kampagne für den König handelte (ich hoffe nicht, dass es sich um McDonalds handelt), und wenn man herausfinden könnte, wer dieser König war, könnte die Werbetafel den Weg zum Rest der Schrift weisen.

zurück Gliederung vor